3 Generation hinter dem Tresen

1971 Willi, Heinz und Uli 3 Generationen

1885 legte der Landwirt Friedrich Karl Kern, dessen Vorfahren seit 1580 im Haus gegenüber wohnten, den Grundstein zum heutigen Gasthof Kern. In diesem Jahr gibt die Familie Christ, das Elternhaus unseres Altbürgermeisters, die Gastwirtschaft auf. Einen Wäschekorb Gläser für den Anfang, holte unser Großvater aus seinem Elternhaus, wusste Ludwig Christ zu erzählen. Was den Gästen geboten wird ist nichts Besonderes, alles was die eigene Landwirtschaft bringt, hausgemachter Schinken, Speck und Eier. Eine Spezialität ist der von unserer Großmutter noch selbst gemachte Handkäs, zu dem eigenen Apfelwein (Äppelwoi). 1903 finden wir die erste Eintragung als Rasthaus im des Wanderführer Frankfurter Taunusclubs
Das Haus Kern heißt zu diesem Zeitpunkt „Zum grünen Thal“. Links der 1894 angebaute Saal, er ist bis 1960 Mittelpunkt des kulturellen Lebens von Oberauroff, besonders die Sängerlust Kann sich hier entfalten. Er ist zwar klein, aber Oberauroff hat ja bis 1928 weniger als 100 Einwohner. Die Wochenendgesangsstunde, das Winterkonzert auf einer selbst gebauten fliegenden Bühne und der Maskenball sind Veranstaltungen von erstaunlicher Qualität. Am ersten Wochenende im November wir die Kerb gefeiert; sie ist der Höhepunkt des Jahres. 1914 wird dieser Rhythmus vom 1. Weltkrieg unterbrochen. Er hinterlässt schwere Wunden in der Familie. Schon im Oktober fällt der eigentliche Hoferbe, der älteste Sohn Karl. 1917 wird der zweite durch schwere Verwundungen dienstunfähig entlassen. Beide waren Angehörige der legendären Marburger Jäger. Im gleichen Jahr verstirbt der Großvater, nicht ohne seinen jüngsten Sohn Willi, telegraphisch von der Westfront, an sein Sterbebett gerufen zu haben, um ihm, der eigentlich Musiker werden will, das Versprechen abzuverlangen , den Hof weiterzuführen. 1918 raffte die Grippeepidemie auch noch die älteste Tochter hin, und das soll noch nicht alles sein

1918-1960

1920 heiratet er die die Bäcker- und Müllers Tochter Auguste Herdling aus Wehen, die neben einem starken Charakter und Geschäftsblut, auch noch eine große Liebe zur Scholle mitbringt. Nach den schweren Schicksalsschlägen stirbt 1921 die erstgeborene Tochter und 1922, fünf Tage nach der Geburt eines gesunden Sohnes, die Großmutter. Der fünfte Todesfall seit 1914. Nun stehen die beiden , 23 jährig, alleine an einem schweren Anfang. 1924 Die Wintersonnenwende zeigt nun auch die Wende in der Familie. Am 24.12. erhalten sie das schönste Weihnachtsgeschenk ihres Lebens, ihre gesunde Tochter Else. Nun sind sie schon wieder zu viert. Zu den Erschwernissen des Anfangs kommt dann noch die Inflation, aber die Felder erbringen jedes Jahr neue Erträge, die Familie ist gesund, es geht langsam wieder bergauf.
1928 wird aus zwei Räumen im Erdgeschoss ein Gästezimmer eingerichtet, welches von unserer Mutter mit sehr viel Liebe eingerichtet und gepflegt wird. Wochentags sind sehr oft die sogenannten Bauschüler die Gäste, mit ihren Semesterabenden, und sonntags die Ausflügler, viele zu Fuß. In den 30iger Jahren kommen aber auch schon Autotouristen
1774 heiratet der 1746 in Bad Soden geborene Johann Nikolaus Kern die Maria Katharina Fraundt, die Enkelin des Georg Philipp Fraundt der Erbauer dieses Hauses, erbaut 1729.
1852 Johann Martin Kern hat zwei Söhne, wahrscheinlich wollen beide in Oberauroff bleiben, denn in diesem Jahr baut er für seinen zweiten Sohn gegenüber ein neues Haus mit Scheune. Im Elternhaus verbleibt der älteste Sohn Karl, das neue bekommt der zweite Sohn Phillipp. Seitdem spricht man von Karls und Phillips, für die alten Auroffer gilt das noch heute.

Diese Generation kommt nicht zur Ruhe

1939 bricht der zweite Weltkrieg aus und der 17-jährige, angeregt von der patriotischen Literatur seiner beiden Marburger Jäger Onkels, dem Taufpaten, Bruder der Mutter, der in seiner Jugend mit einem selbstgebastelten Flugkörper mit gebrochenem Bein landete, will auch Jäger werden, Jäger der Luft, Jagdflieger. Angesichts des 1. Weltkriegs, der noch keine 25 Jahre zurück liegt, verweigert der Vater die Unterschrift der freiwilligen Meldung und kann so einen Aufschub erreichen.
1940, nach dem Frankreich-Feldzug, werden im Saal 40 Gefangene untergebracht, die an der Autobahn arbeiten. Die menschlichen Beziehungen, die von Auroffer Bürgern zu den Gefangenen aufgebaut werden, sollen sich noch einmal als sehr nützlich erweisen.
1941 ist es dann soweit, aber mit dem Fliegen klappt es doch nicht so schnell. Im Krieg ist der Ablauf der Ausbildung nicht so schnell. Im Herbst 1944 ist es dann soweit, trotz Verzicht auf genehmigten Urlaub, Kunstflug schon morgens vor Dienstbeginn und immerwährend der Meldung zu den nächsten Ausbildungsabschnitten. Beim Fronteinsatz bei den Eismeerjägern reicht es gerade noch zu zwei Luftkämpfen mit gutem Ergebnis, dann kommt die Kapitulation.
1945 bis August dauert die Internierung in Norwegen, dann geht es angeblich nach Hause, das erweist sich aber schnell als Trugschluss. Nach einigen Tagen Bretzenheim, das berüchtigte Hungerlager an der Nahe, geht es nach Frankreich. In den Kasematten der Festung Langres, auf feuchten Boden, sind die Lebensbedingungen katastrophal, also wieder freiwillige Meldung, diesmal auf den Bauernhof. Die freundschaftlichen Beziehungen zwischen der Familie Francois und unserem Haus haben sich bis heute, jetzt schon in der zweiten Generation, als besonders herzlich erwiesen.
Besonders deswegen, weil die Familie mir die Flucht nicht verübelt hat; auch die zweite führte nicht zum Erfolg und nach ca. 7 Monaten Festungshaft war jeglicher Fluchtgedanke erstickt. Erst die Vermittlung der Frau Pfarrer Hesselmann, die weitblickend, alle Adressen der in dem Saal untergebrachten französischen Kriegsgefangenen notiert hatte, führte zum Erfolg.
1948 am 21. Januar kann ich nach über sechs Jahren wieder mein Elternhaus betreten. Nun sind wir nach 24 Jahren wieder zu viert. Es sollen noch über zehn Junggesellenjahre folgen; allerdings nicht ganz vergeudet.
1948 im Herbst wird schon eine hydraulische Packpresse angeschafft, zur gleichen Zeit werden auch schon Investitionen für die Landwirtschaft vorgenommen und von 1950 – 52 besuche ich zwei Winter die Hotelfachschule. Während meiner Abwesenheit, und dann auch noch viel länger als gedacht, muss die Schwester, die seit 1950 verheiratet ist und mit Ihrem Mann Heinz Schäfer aus Görsroth , der Finanz-Inspektor in Bad Schwalbach ist, im Elternhaus verbleiben. Sie muss die Rolle der jungen Hausfrau spielen und ihr Mann beweist sich nach Feierabend als hervorragender Gastwirt. Wenn sonntags der Seniorchef hinter der Theke steht und sie zwei jungen Männer bedienen, stellen sie eine stattliche Mannschaft da. Die weiteren 50iger Jahre bringen wenige Ereignisse. „Drum prüfe wer sich ewig bindet“. Das wird jäh unterbrochen an der Kerb 1957. Unter die Kerbe Gesellschaft mischt sich eine junge Dame, noch mit Schwiegersohn des Hauses durch Anheiratet verwandt. Nun geht alles im Fliegertempo. Im Sommer 1958 wird sich verlobt und im Januar 59 geheiratet. Es handelt sich um die Konditors Tochter Helga Lorenz aus Königsberg an der Eger. Sie ist als Heimatvertriebene ohne Vater, er ist im November 1948 an der Ostfront gefallen, in Fulda aufgewachsen. Nach der Banklehre lernt sie dann den Hotelkaufmann kennen, eine Verbindung die sich als sehr günstig erweist. Ab sofort wird viel gebaut, das Konto wird von der Bankkauffrau in Ordnung gehalten. Der Seniorchef ist mit seinen Nebenbeschäftigungen noch stark gefordert. Von Ende der 20iger Jahre bis 1945 Ortsbauernführer, ab 1933 Gemeindekassenverwalter und seit 1945 Standesbeamter der gesamten Kirchengemeinde. 1959 im November wird der erste Sohn Hartmut geboren, der im Januar 1961 eine kleine Schwester Ute erhält. Im gleichen Jahr wird noch der Saal umgebaut zum Kaminzimmer und im Glauben, dass Landwirtschaft und Gastronomie weiterhin nebeneinanderlaufen können, 1960 eine Hochfahrtscheine.
1964 stehen nochmals alle Zeichen auf Sturm. In Verlängerung der Straßenfront bis zur Grenze soll wieder ein Gesellschaftsraum entstehen, dahinter die Toiletten und eine Küche. Da aber seit langem ein Felsenkeller mit Kelterei geplant ist. Muss der noch vorher wenigstens gesprengt werden und das Material zur Straße geschafft werden.
Die Höhle bleibt vorerst liegen und die geplanten Bauvorhaben werden ausgeführt.
1965 wird der zweite Sohn Ulrich geboren und die Familie besteht nun aus 7 Köpfen. Es folgen ein paar ruhige Jahre, die Kinder können in Ruhe heranwachsen 1969 werden dann die ersten Hotelzimmer gebaut und sehr schnell wächst die Erkenntnis, dass beides nicht nebeneinander laufen kann schweren Herzens werden die Kühe abgeschafft.
1971 sind 13 Zimmer fertiggestellt und was ich nie geglaubt habe, es gibt auch Autobahn-Passanten, die uns finden.
Im gleichen Jahr entsteht das wohl schönste Bild in unserer Familie, der 5jährige Uli will sonntags, wenn das Geschäft flott läuft schon Bier zapfen. Angesichts dieser Zukunftsaussichten geht es nun im Apfelweinkelter weiter, der in Kombination mit einer neuen Kelterei und eigener Schlachtung ein gutes Fundament für einen Landgasthof darstellt.
1972 feiern wir im Mai den 50. Geburtstag meines Vaters und planen schon den 75igsten unseres Opas im Dezember. Der Mensch denkt und Gott lenkt. Mitte August tragen wir unseren Opa zu Grabe, ein schmerzlicher Verlust, nicht nur für die Familie, ein allseits beliebter Mann, ein allseits beliebter Mann ist von uns gegangen. Kurz vor seinem Tod konnten wir den Apfelweinkeller noch fertigstellen, den er gerne noch einige Jahre genutzt hätte. 4,5 Zentner Donarit, 9 sehr harte Tage 9 Grad Celsius Temperatur Sommer wie Winter, das war noch nicht umsonst.
1976 bauen wir den Heuboden aus, 4 schöne Doppelzimmer mit Dusche und WC. 35 Betten sind es nun insgesamt. Neben all den Arbeiten läuft noch etwas nebenbei, mein Flugplatz und zwei schöne Teiche, das Tal im Pferdgrund zur Herbstheck hin, hat ein ganz neues Gesicht bekommen und wenn wir das Schicksal auch dich Möglichkeit, dort zu fliegen gäbe, soviel Glück könnte ich schon fast nicht mehr verkraften.

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